Herausforderung für den Mittelstand: Wirtschaft 4.0

Digitalisierung ist einer der momentan vorherrschenden Treiber des Fortschritts. In fast allen Branchen der Industrie wird es als Notwendigkeit gesehen, Produkte, Prozesse und Maschinen einer digitalisierten, globalisierten Welt anzupassen. Gerade in mittelständischen Betrieben herrscht jedoch auch viel Unsicherheit, was "Wirtschaft 4.0" denn nun genau für die eigene Zukunft zu bedeuten hat. Anhand einer aktuellen Studie des DIHK stellen wir die wichtigsten Fakten heraus.

In einer bundesweiten Umfrage unter 1.849 Unternehmen stellte der Dachverband der Industrie- und Handelskammern DIHK Ende 2014 fest, dass 94% ihr Unternehmen von diesem Trend betroffen sahen – also fast alle. Gleichzeitig schätzten aber nur 27% davon, dass dieser Prozess für sie bereits abgeschlossen sei. Dies bedeutet, dass gut drei Viertel aller deutschen Unternehmen mit den Thema Digitalisierung an irgendeiner Stelle mit der weiteren Umsetzung zögern.

Was bewegt Unternehmen, in Digitalisierung zu investieren?

Für Industrieunternehmen, die oft in starkem (globalen) Wettbewerb mit einem enormen Preisdruck stehen, sind die Stückkosten in der Produktion ein entscheidender Faktor. Da hierzulande über niedrige Personalkosten nicht gepunktet werden kann, verspricht die Digitalisierung enormes Potential: Maßanfertigungen sollen in Zukunft zu Großserienkosten möglich sein. Notwendig dazu ist allerdings, dass die beteiligten Maschinen und Betriebsmittel aller Wertschöpfungsstufen (Konstruktion, Einkauf, Lager, Produktion, Logistik usw.) in die Lage versetzt werden, selbstständig miteinander zu kommunizieren. Derart vernetzt „wissen“ die Maschinen, Lager- und Fördereinrichtungen, welche Teile gerade wo sind, wass wann benötigt wird, verlagert werden oder fertig sein muss. Sie können miteinander „intelligente“ Entscheidungen treffen.

Beispiel:

  1. Ein Sensor an einem Schweißautomat misst, dass der Vorrat der Maschine an Schweißdraht zur Neige geht und meldet dies selbstständig ans Lagersystem.
  2. Das Lager veranlasst automatisch die Auslagerung des neuen Schweißdrahts und die Versorgung der Maschine.
  3. Gleichzeitig stellt es das Unterschreiten des Mindestbestands fest und meldet dies der Warenwirtschaft.
  4. Das Einkaufsmodul vergleicht selbstständig die aktuellen Preise und löst die Nachbestellung beim preiswertesten freigegebenen Lieferanten aus.

All dies geschieht innerhalb von wenigen Sekunden und ohne das Zutun eines einzigen Mitarbeiters. Der Mensch wird dabei jedoch nicht überflüssig, denn diese Prozesse müssen genauestens aufeinander abgestimmt, überwacht und immer weiter optimiert werden. Im Idealfall sinken Leerlauf, Rüstzeiten und Fehlerquoten deutlich.

Dies ist jedoch nicht alles. Auch Kundenbeziehungen lassen sich mit Methoden der Digitalisierung professioneller managen und damit auch enger knüpfen. Mit (Online-)Marketingmaßnahmen werden Kunden zielgerichtet zu den passenden Angeboten gelenkt. Die Erwartung – auch im B2B-Bereich – steigt enorm: Der Kaufprozess (zunehmend per Internet) soll „seamless“ funktionieren, das heißt ohne merkbare Hürden, schnell, einfach und sicher abgewickelt werden. Das gleiche gilt für Supportanfragen. Auch die Kundenbindung erhält mit den Social-Media Möglichkeiten eine neue Qualität und auch neue Herausforderungen.

Wie weit ist der Digitalisierungsfortschritt in der mittelständischen Industrie?

Der Mittelstand, gerade im Segment unter 500 Mitarbeitern, gilt traditionell als konservativ und abwartend was neue Methoden und Technologien anbelangt. Ist das bei der Digitalisierung auch so? So scheint es, zumindest im industriellen Umfeld – denn im Vergleich zu den größeren Industrieunternehmen, die zu 34-37% ihren Digitalisierungsfortschritt als „gut oder besser“ einstufen, sehen die Mittelständler sich bei diesem Thema nur zu 26% gut aufgestellt. Gut drei Viertel der Unternehmen sehen Hemmnisse, die Digitalisierung weiter voranzutreiben.

Was hält Unternehmen von der Digitalisierung ab?

Das Vertrauen in die Informationstechnologie ist bislang bei 59% der befragten Unternehmen nicht stark genug, um die Digitalisierung weiter voran zu treiben. Bedenken bei der Datensicherheit und beim Datenschutz spielen dabei die größte Rolle: Was passiert, wenn meine Kundendaten gehackt werden? Wenn meine Produktion ausfällt, weil die IT versagt? Wenn meine Konstruktionspläne oder Quellcodes digital kopiert werden, ohne dass ich es merke? Wenn mein mühsam aufgebautes Image im Internet einem Shitstorm anheim fällt?

Hinzu kommen bei 50% der Befragten rechtliche Unsicherheiten: Muss ich meine Kunden informieren, wenn ich ihre Daten nur noch elektronisch verarbeite? Ist ein Produktfoto auf meiner Internetseite urheberrechtlich schützbar? Was ist arbeitsrechtlich zu beachten, wenn sich durch Digitalisierung Arbeitsinhalte und Verantwortungen deutlich ändern oder der Mitarbeiter nur noch vom Home Office aus arbeitet?

Immerhin noch über ein Drittel aller Unternehmen sehen ein Problem bei der digitalen Kompetenz der Mitarbeiter. Gerade bei weitergehender Digitalisierung muss das Verständnis für die Technologie, deren Akzeptanz und auch die Sensibilität für den Umgang mit digitalen Daten durchgängig bei allen Mitarbeitern vorhanden sein. Doch was, wenn nicht alle Mitarbeiter diesen Schritt auch mitgehen wollen oder können? Welchen Bedarf gibt es überhaupt an Schulungen und neuen Fachkräften, wenn die Digitalisierung weiter beschritten wird?

Wie kann Wirtschaft 4.0 gelingen und was muss dazu gemeistert werden?

Um die Bedenken auszuräumen, müssten nach der Meinung von 88% aller Unternehmen noch Informationslücken geschlossen werden. Der Bedarf an Information ist groß, bedenkt man, dass die Komplexität von Digitalisierung über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg fast gleich hoch ist: Es gibt nicht weniger Dinge dabei zu bedenken, nur weil der Betrieb 100 statt 1.000 Mitarbeiter hat.

Der Investitionsbedarf bei Digitalisierungsprojekten ist besonders für mittelständische Unternehmen nach eigener Aussage eine Herausforderung (82% der Befragten). Einmal, weil die notwendige Technologie natürlich Geld kostet, bevor sie Kosten spart. Zum anderen, weil viele Folgebedarfe und Wünsche sich erst im Laufe der Digitalisierungsprojekte herausstellen: Auf die Einführung einer zentralen eMail-Archivierung folgt oft der Wunsch nach einem Dokumentenmanagement-System oder umgekehrt. Und warum hat die Konstruktion ein digitales Bug-Tracking, das Qualitätswesen arbeitet aber noch mit Fehlersammelkarten?

Um alle Mitarbeiter mit ins Boot zu bekommen, sind Schulungen und Weiterbildung für 80% der Befragten sehr wichtig. Hierbei spielt das kompetenzbasierte Lernen und Arbeiten eine entscheidende Rolle: Bieten die Schulungen genügend Praxisbezug zur täglichen und tatsächlichen Arbeit?
Als TOP-Themen für Schulungen nennen die Unternehmen IT Sicherheit, Umgang mit komplexen Systemen, Prozess-KnowHow und Prozessgestaltung sowie Datenschutz.

Auch die Unternehmen als solche müssen sich weiterentwickeln, in Innovationen investieren oder sich neu ausrichten: 74%, also drei Viertel geben zu, dass sie im Zuge der Digitalisierung über ihre Prozesse, ihre Produkte oder sogar über ihr Geschäftsmodell noch einmal komplett neu nachdenken müssen. Häufig müssen auch Infrastrukturen optimiert werden, angefangen beim schnellen Internetzugang bis hin zu geeigneten Räumlichkeiten.

Fazit

So komplex das Thema Digitalisierung auch sein mag, so nachvollziehbar die Bedenken vieler dabei auch sein mögen und so gut die bisherige Arbeitsweise auch schon immer funktioniert hat: Wirtschaft 4.0 betrifft so gut wie jedes mittelständische Unternehmen, besonders in der Industrie. Globaler Wettbewerb und Preiskampf erfordern innovative und digitale Prozesse, Dienstleistungen und Produkte. Die notwendigen Investitionen und Reorganisationen verlangen den Unternehmen jedoch einiges ab. Dabei ist der Informations- und Beratungsbedarf enorm. Es gilt: Rechtzeitig planen und sich Unterstützung holen.

Lesen Sie hierzu auch den Artikel „Praxisbeispiel: Ein Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung 4.0„.

Quelle: Wirtschaft 4.0: Große Chancen, viel zu tun. Das IHK-Unternehmensbarometer zur Digitalisierung (01/2015), DIHK e.V. Berlin 2014


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Über den Autor Kerstin Zulechner
Kerstin Zulechner

leitet und gestaltet Projekte mit Blick für das Wesentliche. Organisationen verstehen und entwickeln? „Leidenschaftlich gern!“ Sie konzipiert fundiert als auch emotional verbindend.

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